Tessa Ganserer: Wann ist eine Frau eine Frau und ist das nicht eigentlich … egal?

 

Redaktion: Marie Spitznagel

Liebe Uschis, die neue Bundesregierung ist ja nun schon knapp drei Monate im Amt, und auch wenn auf Twitter schon ordentlich geschimpft wird, weil noch immer nicht alle Probleme unserer Gesellschaft (plus dem schlechten Wetter) gelöst wurden, denke ich, es wird Zeit, ein paar besondere Menschen, die jetzt im Bundestag sitzen, anzuschauen. 


Hallo unbekannter Mensch, der unser Land prägen wird

Ich möchte beginnen mit Tessa Ganserer. Sie zog für die Grünen in den Bundestag ein, ist 44 Jahre alt, Mitglied im Umweltausschuss des Deutschen Bundestags und trans. Ja, die letzte Information sollte eigentlich egal sein (in einer idealen Welt), ist es aber noch nicht. Denn erstens leben wir nicht in einer idealen Welt (Belege dafür folgen) und zweitens ist es in dieser Legislaturperiode tatsächlich das erste Mal ever, dass sogar zwei trans Personen im Bundestag vertreten sind. Daher ist es nach wie vor relevant. 

Warum genau schilderte Tessa in einem Interview mit der Zeit im September 2021:

„Die fehlende Sichtbarkeit und auch die stereotypen Zeichnungen von transgeschlechtlichen Menschen in den Medien waren ausschlaggebend dafür, dass ich so lange mit mir im Konflikt war. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es auch für mich möglich ist, die Frau zu leben, die ich bin. Nirgends gab es eine amtierende Politikerin, die sich als trans outete und die Transition begann. Mir hat sozusagen ein transsexueller Klaus Wowereit gefehlt. Eine öffentlich auftretende trans Person, die sagt, "Ich bin trans und das ist gut so", und der das nicht die Karriere kostet.“


Ich finde es unheimlich schön, dass sie mit ihrer Kollegin jetzt diese positive Identifikationsfigur für die nächste Generation an Politiker*innen sein kann. Tessa kann durch gute Arbeit und das Beschäftigen mit Sachthemen nicht nur politisch was reißen in den nächsten Jahren, sondern auch trans Identitäten einer breiteren Masse zugänglich machen. 

Voll gut, oder? So wachsen wir als Gesellschaft und lernen voneinander. Das ist doch schön! Suprise, das sieht nicht jeder so.


Kurzer Einschub

Bevor ich wieder über Tessa und ihre Arbeit schreibe, muss ich einen kleinen Informationseinschub vornehmen. Nur der Vollständigkeit wegen. Leider. 

Vielleicht erinnert sich noch jemand an das Magazin Emma, das (eigentlich) für Emanzipation und Frauensolidarität steht. Nun, diese Solidarität gilt nicht für trans Frauen. Denn die Geschäftsführerin, Herausgeberin und Redakteurin Alice Schwarzer veröffentlichte am 19. Januar 2022 einen Artikel über Tessa, in dem sie ihr das Frausein rigoros absprach. Für Schwarzer nimmt Tessa einer „echten“ Frau den Quotenplatz weg. Schwarzer kritisiert, dass Tessa sich zwar selbst als Frau definiert, aber formal ___STEADY_PAYWALL___juristisch noch ein Mann ist. Eine rechtliche Geschlechtsanpassung verweigert Tessa bisher, da das aktuelle Transsexuellengesetz, das die Ampel-Koalition durch ein neues Selbstbestimmungsgesetz ersetzen möchte, diese Prozedur langwierig, teuer und ziemlich invasiv macht.

Ich möchte, ganz ehrlich, gar nicht weiter auf den Artikel eingehen oder darauf, dass Schwarzer Tessa konsequent mit ihrem sogenannten „Deadname“ anspricht (also dem Namen, der ihr bei Geburt zugeordnet wurde) und ihr unterstellt, sie würde es sich LEICHT machen, indem sie auf einem Frauenquotenplatz sitzt. Denn es macht mich einfach wütend und fassungslos. Tatsächlich wird eine ganz wichtige Frage gestellt, die wir uns vielleicht in Zukunft alle ab und zu mal stellen sollten.


Wie definieren wir Geschlecht?

Wie definieren wir Geschlecht? Was macht einen Mann zu einem Mann und eine Frau zu einer Frau? Rein biologisch ist das bei den meisten Menschen das primäre Geschlechtsorgan (geschätzt 0,2 Prozent aller Menschen in Deutschland haben kein eindeutiges biologisches Geschlecht), aber das ist ja nicht alles. Es gibt das soziologische Geschlecht, die Rollenbilder, die Erwartungen. 

Ausserdem macht Emma damit auch auf die gängige Angst aufmerksam, dass Männer wieder in Räume vordringen, die sich Frauen lange und hart erkämpft haben. Vielleicht teilen viele Frauen diese Angst und auch darüber müssen wir sprechen.

Aber muss Tessa diese Fragen beantworten oder müssen an ihrer Person diese gesellschaftlich relevanten Probleme abgearbeitet werden?

Ich denke nicht.

Vor allem, und ich glaube, das ist ein wichtiger Punkt, der nicht jedem Diskutanten bewusst ist, nur weil Tessa ihre Geschlechtsidentität in Frage stellte, als Frau lebt, obwohl sie biologisch ein Mann ist, bedeutet NICHT, dass eure eigene Geschlechtsidentität dadurch weniger „wert“ ist. Wer sich in seinem biologischen Geschlecht zuhause fühlt, sich mit einigen oder vielen oder allen gesellschaftlichen Bildern seines biologischen Geschlechts wohl fühlt – das ist total super für dich! Niemand nimmt dir das weg. Das ist nur nicht für alle Menschen so und das kann man bitte einfach hinnehmen.

Irgendwie erinnert mich das an die Diskussionen zur Ehe für alle, da waren ähnliche Ängste unterwegs. So, nun reicht´s aber auch wirklich.


Also, zurück zu Tessa

Tessa ist gelernte Forstwirtin und war von 2013 bis 2021 Abgeordnete im Bayerischen Landtag, seit 2019 lebt sie öffentlich als Frau. Seit Jahren setzt sie sich für die Belange von queeren Menschen und gegen das, eben schon erwähnte, diskriminierende Transsexuellengesetz (TSG) ein. Auch eine wirklich unterstützenswerte Kampagne von Tessa ist das Schaffen von barrierefreien Arbeitsplätzen im öffentlichen Dienst für Menschen mit Behinderung. 

Das ist alles gut und spannend und langweilig gleichzeitig und genau so sollte Politik sein. Ich glaube, so war sie auch mal, bevor man in einem permanenten „Ach du Schande, dass ist gerade nicht wirklich passiert“-Sturm eingefangen wurde.
Ob der eines Tages mal vorbei geht?

Ich wünsche Tessa alles Gute und dass das alte Transsexuellengesetz bald Geschichte ist, denn dann gibt es für niemanden mehr eine Grundlage, um transidente Menschen zu diskriminieren oder aus irgendwelchen „Clubs“ ausschließen zu wollen. Das ist doch alles kacke. Also die Diskriminierung natürlich.

Tessa hingegen finde ich bisher gut und bin gespannt, was sie noch alles so schaffen wird.

📷 1: Christian Hilgert
📷 2: Alessandra Schellnegger
📷 3: pa/Geisler-Fotop/Dwi Anoraganingrum
📷 4: Foto: Lisa Hörterer / DER SPIEGEL

 

ICH HABE EINEN SOHN VERLOREN ABER EINE TOCHTER GEWONNEN

Wir sind froh, dass auch Katja Friedrich mit uns auf dem GUK N°1 2019 die bewegende Geschichte ihrer Familie und der Transition ihres Sohnes Julian zur Tochter geteilt hat.

“Bei der Vorbereitung zu meinem Vortrag bat mich meine Tochter darum, den Menschen das zu sagen: Leute, hört auf andere in Schubladen zu packen. Auch für Transgender passt nicht nur eine Schublade. Transgender sind nicht alle gleich. In den Köpfen tragen wir oft nur das Bild der schrillen, der lauten. Die, die z.B. bei "Germany´s Next Topmodel" und ähnlichen Formaten mitmachen. Doch es gibt auch die leisen. Die, die einfach den Switch ins andere Geschlecht haben wollen, um danach im richtigen Körper ein normales Leben zu führen. Wir sollten mit mehr Akzeptanz und Toleranz durch die Welt gehen. Mit dem Gedanken, dass das, was für uns passt, eben nicht für alle passt."

 

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